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Warum Inklusion zwar kein Märchen aber auch nicht die Wahrheit ist

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich über die Inklusion an Deutschlands Schulen schreiben soll oder nicht. Ich finde es schwierig, zum Thema Inklusion auf einer so öffentlichen Plattform wie meinem Blog etwas zu sagen. Auf der anderen Seite muss über Inklusion gesprochen werden dürfen, wenn ihre Umsetzung eine echte Chance haben soll.

 

Im Interesse meiner Schüler, meiner Kollegen und auch meiner Schule schreibe ich hier nicht über Dinge, die mir tatsächlich passiert sind oder Menschen, denen ich wirklich begegnet bin. Falls es trotzdem zu gewissen Ähnlichkeiten gekommen ist, war das zwar keine Absicht, eventuell aber nicht zu vermeiden. Es liegt in der Natur der Sache. Der Alltag an inklusiven Schulen ist wahrscheinlich überall ziemlich ähnlich.

 

Vor einigen Tagen sah ich in der Mediathek der ARD eine Dokumentation zum Thema Inklusion, vor allem am Beispiel von Bremen, welches als erstes Bundesland in Deutschland schon vor 10 Jahren angefangen hat, die Verpflichtung aus Artikel 24 der UN-Behindertenkonvention, dem Recht auf inklusive Beschulung, weitgehend umzusetzen.

 

Bevor ich diese Dokumentation gesehen habe, hatte ich, ehrlich gesagt, immer weitgehend ausgeblendet, dass die UN-Behindertenkonvention nicht nur in der Schule sondern weiter gehend eben auch auf dem Arbeitsmarkt und noch weitergehend vor allem auch in der Gesellschaft umgesetzt werden sollte. Deutschland ist in der Hinsicht noch meilenweit von einer Umsetzung entfernt. Vor allem aber wird, meiner Meinung nach, noch einmal deutlich, warum Inklusion gerade in der Schule so wichtig ist, bildet Schule doch immer auch einen kleinen Mikrokosmos unserer Gesellschaft ab.

 

Die Inklusion ist ein zweischneidiges Schwert. Ich bin ein großer Fan. Nicht umsonst habe ich trotz eines bereits abgeschlossenen Lehramtsstudiums noch einen weiteren Abschluss als Inklusionspädagoge gemacht. Außerdem hab ich schon ein Jahr vor dem offiziellen Start in die Inklusion eine der ersten inklusiven Schulklassen in Jahrgang 5 übernommen.

 

Meine Erfahrungen waren überwiegend positiv. Man darf aber nicht vergessen, vor 10 Jahren herrschte, zumindest in Bremen, neben viel Skepsis und wohl auch berechtigter Angst vor dem Neuen, Aufbruchstimmung. Für die ersten inklusiven Schulklassen gab es mehr Geld, mehr Personal und vor allem auch eine heterogene Schülerschaft und eine gewissen Offenheit seitens der Eltern. Dazu kam, dass die Einführung der Inklusion ungefähr zusammenfiel mit der Einführung des achtjährigen Gymnasialbildungsgang. Ich glaube, es gab einige Eltern, die zwar nicht unbedingt die Idee der Inklusion unterstützten, trotzdem aber nach einer Möglichkeit suchten, ihren Kindern den befürchteten Druck einer achtjährigen Gymnasiallaufbahn zu ersparen.

 

Für uns Lehrer und die Schüler in diesen ersten Inklusionsklassen war das gut. Inklusion lebt davon, dass alle Schüler mit- und auch voneinander lernen können. Jeder Schüler hat Förderbedarf, jeder Mensch hat Stärken und Schwächen. Inklusion nur dann wirklich gelingen, wenn die Klassen so gut wie möglich bunt besetzt sind. Das heißt, nicht nur die Schwächen sondern eben auch die Stärken einer jeden Klasse sollte möglichst gut vertreten sein.

 

Dieses Bild hat sich heute, fast 9 Jahre später, grundlegend gewandelt. Die meisten Eltern, die sich das für ihr Kind irgendwie vorstellen können, versuchen, ihre Kinder am Gymnasium unterzubringen. Dazu kommt, dass die Defizite der heutigen Schülergeneration um ein Vielfaches gewachsen ist. Konnte man vor sechs Jahren noch sagen, schreibt die Tabelle mal eben von der Tafel ab, muss man heute unter Umständen fast einer ganzen Schulklasse erstmal erklären, dass man eine Tabelle mit Lineal in durchgehenden Strichen von oben nach unten und links nach rechts zeichnet und nicht Feld für Feld mühsam zusammenbastelt.

 

Das Beispiel mag vielleicht etwas übertrieben vorkommen, ist es aber nicht. Und das ist erst die Spitze des Eisbergs. So kann es zum Beispiel passieren, dass Schüler nicht fragen, was sie irgendwo „hinschreiben“ sondern was sie dort „eingeben“ sollen, wenn sie zum Beispiel einen Lückentext ausfüllen. Das ist nicht nur ein sprachlicher Lapsus sondern auch eine Aussage über das, was schiefläuft, unter Umständen schon lange, bevor die Kinder in die Schule kommen.

 

Eine anderem sprachlichen Lapsus begegne ich oft da, wo Menschen von „den Inklusionskindern“ in einer Klasse sprechen. Mir ist theoretisch klar, dass diese Menschen damit die Kinder mit einem statuierten Förderbedarf meinen. Also zum Beispiel Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen, Sprache oder in der sozial-emotionalen Entwicklung. Mit diesem Sprachgebrauch aber wird die Idee der Inklusion, des Einschlusses, negiert. Denn im Idealfall sollte ich, wenn ich in eine inklusive Schulklasse komme, auf den ersten Blick nicht erkennen können, welche Schüler welchen Förderbedarf haben oder eben auch nicht – von den ins Auge springenden körperlichen Besonderheiten vielleicht abgesehen. Oder anders ausgedrückt. Inklusion sind wir alle.

 

Ich weiß gar nicht genau, wie ich das politisch möglichst korrekt sagen soll, aber es ist natürlich klar, dass jede Klasse natürlich nur eine begrenzte Anzahl an verhaltensschwierigen Schülern vertragen kann. Dabei darf man aber nicht außer Acht lassen, dass es nicht immer die Schüler mit einem offiziell statuierten Förderbedarf sind, die tatsächlich besondere Zuwendung brauchen. Und genau darum ist es so wichtig, Inlusion möglichst bunt zu mischen. Genau darum finde ich es so schade, dass es nur sehr wenige wirklich inklusiv arbeitende Schulen gibt. In den allermeisten Fällen werden eine, vielleicht zwei Schwerpunktklassen in einem Jahrgang gebildet, welche dann die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf zusammenfassen.

 

Das entspringt natürlich einem Mangel an Ressourcen personeller und materieller Art. Wenn die Schüler mit Förderbedarf möglichst nur in eine oder zwei besonders ausgestattete Klassen gehen, ist es natürlich einfacher, diese Klassen mit Doppelbesetzungen und speziellen Differenzierungsräumen auszustatten, als wenn diese Kinder auf alle Klassen eines Jahrgangs verteilt werden, die Inklusion also so umgesetzt wird, wie sie eigentlich gemeint ist.

 

Nur, diese eigentlich gemeinte Idee der Inklusion ist ohne zusätzliche finanzielle Mittel nicht umzusetzen. Wenn wir ehrlich daran interessiert wären, Inklusion so zu realisieren, wie sie in der UN-Behindertenrechtskonvention gefordert ist, dann braucht es mehr von allem, insbesondere mehr Personal. Mehr Lehrer, mehr Förderkräfte, mehr Erzieher und vor allem: Menschen, die das wirklich wollen. Denen die Inklusion am Herzen liegt. Und die in deren Umsetzung so gut wie möglich unterstützt werden.

 

In Deutschland im allgemeinen und vor allem auch in Bremen ist leider, jedenfalls meinem Gefühl nach, ein Gesetz zunächst mal gemacht und dann umgesetzt worden, um danach erst zu gucken, ob und wie das denn überhaupt funktionieren kann. Außerdem zu glauben, dass es Inklusion zum Nulltarif geben könnte, hat auch nicht unbedingt geholfen.

 

Bizarr ist auch, dass in Deutschland nach wie vor das klassische dreigliedrige Schulsystem und das System der Inklusion noch immer parallel nebeneinander stehen. Man muss nicht Einstein sein, um zu verstehen, dass das eigentlich nicht funktionieren kann. Andere Länder haben es uns vorgemacht: Kanada, Schweden, Finnland. Wir müssten unser Schulsystem grundlegend verändern, die Idee des lehrerzentrierten, gleichschrittigen Frontalunterricht verlassen, um mit dem Konzept der Inklusion wirklich etwas zu bewegen. So, wie es gerade läuft, wird Inklusion wohl weiterhin ein Märchen bleiben.