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Mein Vater

Der 8. Juni 1972 hat mein Leben für immer in zwei Hälften geteilt. Seit diesem Tag gibt es ein Davor und ein Danach. Und einfach so, ohne jede Vorwarnung, ist meine fünfjährige Welt für immer aus den Fugen geraten.

 

Meine Mutter hat immer behauptet, ich hätte gelacht, als mir gesagt wurde, dass mein Vater gestorben sei. Ich erinnere das nicht. Was ich erinnere von diesem Tag, geht allerdings über bloße Bildfragmente kaum hinaus:

 

Ich sehe mich auf dem Treppenabsatz vor unserer Haustür stehen, allein. Ein Nachbar hat mich aus dem Kindergarten nach Hause geholt; zur Tür gebracht hat er mich nicht. Ich sehe meinen 9jährigen Bruder die Tür öffnen. Ich höre ihn sagen: „Vati ist tot.“ Ich sehe mich den Kopf schütteln. Ich verstehe nicht, was mein Bruder mir sagen will.

 

Und ich sehe mich auf meinem Bett sitzen. Eine Nachbarin ist bei mir und liest mir aus einem Märchenbuch vor. Das Buch gehört meiner Schwester. Bis heute kann ich nicht an dieses Buch denken, ohne es mit dem Tod meines Vaters in Verbindung zu bringen. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob dieses Bild wirklich zu dem Tag gehört, an dem mein Vater starb oder doch vielleicht schon zu dem Tag der Beerdigung. In jedem Fall aber ist auch dieses Bild fest mit dem Tod meines Vaters verknüpft.

 

An der Beerdigung durften meine Geschwister und ich nicht teilnehmen. Aus heutiger Sicht verstehe ich den Wunsch meiner Mutter, uns zu schützen. Und auch den Wunsch, sich auf dieser Beerdigung nicht auch noch vor uns zusammenreißen zu müssen. Denn das hat sie immer getan: Sich zusammengerissen. Weitergemacht. Preußisch und nüchtern.

 

Intellektuell kann ich das alles verstehen. Trotzdem ist es so, dass mein Vater so plötzlich und völlig unfassbar aus meinem Leben verschwand, dass mich das als Kind zutiefst verunsichert und schlimmste Albträume verursacht hat. Obwohl ich bei seiner Beerdigung nicht anwesend war, gehört sie doch zu meinen schlimmsten Kindheitserinnerungen. Meine Albträume, die in dieser Zeit begannen, haben mich fast mein ganzes Leben begleitet. Unzählige Male habe ich geträumt, selber begraben zu werden und mir dabei zuzugucken, lebendig begraben zu werden oder eben auch, einfach nur tot zu sein. Dabei konnte ich mich immer nicht entscheiden, was schlimmer wäre: Auf immer tot zu sein oder ewig lebendig. Als Kind waren diese Gedanken so schlimm und quälend, dass ich sie sofort zur Seite schieben musste. Ich glaube, ich wäre sonst vor Angst vergangen. Bis heute noch kann ich das Zeichen der Unendlichkeit, die liegende 8, kaum betrachten, ohne mir selber Mut zuzureden oder so zu tun, als sähe ich etwas ganz anderes.

 

Auch aus dieser Zeit stammt das Doppelleben, das ich als Kind viele Jahre führte. In meinem Kopf hatte ich eine komplette Parallelwelt, Vater, Geschwister, ein Ponyhof. Diese Welt stand bereit, wann immer ich das Gefühl hatte, es in meiner realen Welt nicht mehr auszuhalten. Viele Jahre lang war das mein sicherer Hafen. Interessanterweise war auch diese Familie nicht komplett. Nur dass ich statt einer verwitweten Mutter dort einen verwitweten Vater hatte. Ich habe keine Ahnung, warum mir das so viel tröstlicher vorkam als die Wirklichkeit, aber vielleicht war es auch nur mein Unvermögen, mir eine heile Familie mit Vater, Mutter, Kind vorzustellen.

 

Ich glaube, nur wer im Klub der Toten Väter oder eben auch im Klub der Toten Mütter ist und dort schon als Kind sein musste, kann das wirklich verstehen. Mir jedenfalls ist es als Kind und als junger Mensch oft passiert, dass mich andere nach meinem Vater gefragt haben. Und ich erinnere mich noch gut an diese Momente der Peinlichkeit, wenn ich sagte, mein Vater sei tot. Es gab darauf eigentlich nur eine Antwort, die mir damals passend schien, und die war: „Mein Vater auch.“ Da gab es immer einen Moment des Verstehens, der Verbundenheit und das Wissen, dass an diesem Punkt mehr nicht gesagt werden muss. Schlimm waren die Menschen, die sagten, es tue ihnen leid. Das habe ich als Kind wirklich nicht verstanden.

 

Als Erwachsener erst, als ich selber schon Kinder hatte, wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, zu reden. Und wie wenig das in meiner eigenen Familie getan wurde. Meine Mutter hat zwar ständig und über alles Mögliche mit uns Kindern geredet. Nur eben über das eine Thema wurde so gut wie gar nicht gesprochen: Mein Vater und der Tag, an dem er gestorben ist. Und über das Leben davor. Fünf Jahre meines Lebens so gut wie ausgelöscht.

 

Vielleicht ist das bei alldem mein größter Verlust: Die fünf Jahre, die nicht mehr da sind. Und die Hälfte meiner Herkunft, zu der ich kaum einen Zugang habe. Erschwerend kam hinzu, dass aus der Familie meines Vaters kaum noch jemand lebte, als mein Vater starb. Mein Großvater ist früh verstorben, meine Großmutter auch. Geschwister hatte mein Vater nicht. Da gab es nur seine eine Kusine und deren Mutter, meine Großtante, zu denen wir zwar regelmäßig Kontakt hatten, die aber tatsächlich noch weniger von meinem Vater sprachen als meine Mutter. Und es gab noch seine Freunde. Aber auch dort herrschte Schweigen. Wie eine Mauer, die mich für immer von diesem Teil meiner Geschichte trennt.

 

Ein paar Erinnerungsstücke sind mir geblieben: Wie mein Vater mich auf seinen Schultern getragen hat. Das Gefühl seines kratzigen Kinns an meinen Händen. Höhlenbau auf und hinterm dem Sofa am Sonntagmorgen. Autofahrten zu Meyer Farge. Autofahren hat mein Vater geliebt.

 

Meine Eltern, die Anfang der 50er Jahre geheiratet und in den 60er Jahren Kinder bekommen haben, haben, glaube ich, auch für heutige Begriffe eine moderne Ehe geführt. Mein Vater hat selbstverständlich uns Kinder versorgt, uns gebadet, angezogen, mit uns gespielt und auch seine eigenen Hemden gebügelt – nicht ohne vorher ein System entwickelt zu haben, wie er das mit Hilfe des Bügelautomatens im Keller bewerkstelligen konnte. Auch in der Küche hat er geholfen. Dass nebenbei auch ein Automat zum Kartoffelschälen in eben diese Küche eingezogen war, war sicher nicht ganz zufällig. Mein Vater war Ingenieur.

 

Und ich glaube, meine Eltern waren sehr politische Menschen. Junge Sozialdemokraten, neugierig auf und interessiert an der Welt. Meine Tante hat mir mal erzählt, dass mein Vater darauf bestand, dass meine Mutter morgens, wenn er in der Hochschule war, Zeitung lesen musste, damit er, wenn er nach Hause kam, mit seiner Frau politisieren konnte. Meine Tante fand das befremdlich. Mir hat diese Vorstellung meiner Eltern immer gefallen. Ein Bild, das ich mir bewahrt habe.

Ich bin mir sicher, meine Geschwister würden eine ganz andere Geschichte erzählen. Von dem Tag, als mein Vater starb. Von den Jahren davor. Von der Zeit danach. Aber das hier ist meine Geschichte und meine Erinnerungen an meinen Vater. Ein Vater, der mich auf den Schultern getragen hat. Ein Vater, mit dem ich beim Autofahren lange Gespräche geführt habe. Ein Vater, der mit mir bei jeder Gelegenheit die Größe der Kirchen, die wir entlang der Straße sehen konnten, besprochen hat – eine klitzekleine oder eine sehr große Kirche? Ein Vater, den ich unendlich vermisst habe mein ganzes Leben lang. Ein Vater, den ich kaum gekannt habe. Eine unstillbare Sehnsucht. Wie Ringelnatz sagen würde:

Ich habe dich nur fremd geliebt.

Karl-Heinz Meyer 23.3.1924 – 8.6.1972
Karl-Heinz Meyer 23.3.1924 – 8.6.1972